Montagslyriker – Lorca nicht vergessen

Sonnengöttin strahlt über die Welt

Montag um sieben, beherrscht uns das Wort,
zutiefst berührt, an diesem erleuchteten Ort.

Timo der Experimentelle
steht zu seiner Lyrik, neu komponiert, überraschend präsentiert. Sätze bei klarem Verstand zerhackt, in neues Licht versetzt.
>>> https://lyrikpoemversgedicht.wordpress.com/

>>> Prinz Prospero und Terence Horn schneidern einen Vorhang, zimmern die Bühne und heben den Meister der frei gestalteten Lyrik aufs Podest,
Timo der Experimentelle …

1. Nenne den Schmerz beim Namen. Wer ist der Dämon, der dich zum Schreiben verführte?

Ich weiß nicht, ob es ein Schmerz ist, der mich schreiben lässt – wohl eher ein Glaube daran, dass ein Wort eine Erfahrung erzeugen oder einer gemachten Erfahrung eine neue Dimension hinzufügen kann.
Man könnte auch spekulieren, der Dämon heiße Spaß, denn den habe ich oft beim Schreiben. Und wenn es dann eine Wut, ein Kummer, ein Schmerz sind, die mich antreiben, anstiften, greift meine Lebensform halt auf das zurück, was sie kennt: Aufs Formulieren, um eine Lücke zu finden, die Hände hineinzuschieben, schreibend, und alles aufzureißen, was gerade kein Licht in mich hineinlässt.
Schreibend gelangt man zu anderen Welten, zu neuen Gedanken, zu neuen Verbindungen. Auch das könnte eine Antwort sein: der Dämon heißt Flucht, heißt Wunsch nach Neuem, Neugierde steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ganz genau werde ich es nie wissen.

2. Wer dich kennenlernen will muss wissen, dass du …

muss wissen, dass er einem Menschen begegnet, für den nichts wichtiger ist als Toleranz im Angesicht der Handikaps, die jeder von uns mit sich herumträgt. Auf einer der tausend Seiten von Montaignes Essays steht: „Vertiefen vermag nur das Verständnis“. Das ist nicht mein Credo, ebenso wenig wie es W. H. Audens „if equal affection cannot be/ let the more loving one be me“ ist, aber Sätze wie diese spiegeln für mich die Schönheit des Menschen wider, die ebenso im Unbeholfenen wie auch im Großartigen liegt. Seneca schrieb: „Wer ein besserer Mensch sein will, der muss riskieren für dumm und närrisch gehalten zu werden.“ Was man über mich wissen muss: ich fühle mich dem Versuch verpflichtet, ein guter Mensch zu sein. In diesem Wunsch und in allem darüber hinaus bin ich genauso unperfekt wie jeder andere, höre Musik, lese, begeistere mich sehr schnell und suche das Faszinierende, wo immer es mich nicht findet.

3. Welche Götter verehrst du?

Diese Liste werde ich nie ganz ausbreiten; immer wieder entscheide ich mich für einen Ausschnitt, weil ich Angst habe, sonst jemanden zu vergessen.
Wenn ich jemandem einen Schriftsteller empfehlen müsste, würde ich ihm immer Jorge Luis Borges empfehlen – er ist die faszinierendste literarische Erfahrung, die ich bisher gemacht habe.
Wenn ich jemandem einen Dichter empfehlen müsste, würde ich ihm Lars Gustafsson empfehlen und die Dichterin Anna Achmatowa an seine Seite stellen. Von allen poetischen Werken haben mich jedoch die „Birthday Letters“ von Ted Hughes am meisten umgehauen. Konstantin Kavafis Werke enthalten mehr Weisheit als ich sagen kann.
Wenn ich jemandem einen Erzähler empfehlen müsste, dann wäre es wohl Julio Cortazar, dessen Kurzgeschichten das Erstaunlichste sind, was man mit Fiktion leisten kann. Die Sammlungen seiner Erzählbände, allen voran „Die Nacht auf dem Rücken“, werden mich bis an mein Lebensende begleiten.
W. H. Auden ist vielleicht der einzige Gott dem ich huldige. Aber was dazu zu sagen ist, habe ich bereits in einer meiner Poesie.Meditationen geschrieben.

4. Was tust du, um dein Werk bekannt zu machen?

Das klänge ja sehr ambitioniert, wenn ich von einem „Werk“ sprechen würde … Ich veröffentliche Gedichte, Rezensionen und Prosa in Zeitschriften und bei Onlinemagazinen. Ansonsten liegt mein Ehrgeiz mehr beim Schreiben als beim Publizieren. So sollte es, finde ich, bei jedem Schreibenden sein.

5. Und nun, zeige dich!

>>> winter

der winter kauft blumen von den
fenstern knöchelkleinhoch sonnenschein auf
schnee wir leben im luftraum (gestöber) eine
seelenahnung leicht wie ein kopfball ge-
tragen durch das handschuhdraußen, schach-
vogelverlassenzug ab hier: angewand(er)te stille
deine augen schauen decken und himmel
in die welt weißblau wir werden alle
fallen und aufgehen rufst du
aus der ferne ab der rauch wurde
gesprengt eisklar wo sind die
zwischenräume hin ich finde wir sollten
viel mehr gedichte lesen weil alles sich
aus dem auge verliert aber nicht
aus der sprache diesem herzblas-
instrument krumm wie eine ewigkeits-
muschel wohin wächst du kleiner zweig?
atemlose lüfte koien köpfe dicht
sag: klirren knirschen zähneklappern

>>> Lorca nicht vergessen

Abendland als ein Vogelbecken, in dem Spatzen sich necken.
Abperlen …; darüber Adler kreisen und Bussarde,
in den Nebel, das Tropf, Tropf von den langen Samen der Linden
wo die Schneisen leise das Sonnenlicht gondeln, wenn
die Nachtigall auf ihrem weit entfernten Zweig
zu dir dringt. Weiteratmen. Weitergehen. Kaltschale klingt.

Nieseln, Abflussdichtung, Glatteis, fauliges Laub, Wolkenauftakt.
Kriege, in notierten Zivilisationen – Rhein-Main-
Wetter schlägt Wind, Gemüt – wackelt, schluckt, auf den Wellen.
Die Äpfel, Weide, Stachel, Böe und Stiel. Am Hang, wo sie
rollen, ein Herbsthumpeln, abwärts. Die Demokratie der Natur.

Entfernt klapp-flappen die Wildvögel, die notorischen Abseits-
weißheitswahrer mit ihren Flügeln – Knack(-knick/schabernack)-Piep.
Erdbeeren, zu Brei zertreten, glänzen in den Gullys, tanzen auf
der Ölhaut deiner Fragen nach der Zukunft. Keine Angst,
wir bauen neue Dämme, neue Häuser, neue Rohre für die Post.

Abfall, festgetretene Flecken auf Granit, Putz und Himmelsleck,
skizziert auf Papierrest. – Steck es weg, es fängt bereits
zu regnen an. Milchig, glasig, von Vergessen getrieben. Bleibt:
Erinnern. Tropf, vom Haar: schnabelig. Kropf, Versehen/Sicht.
Rauschen. Lynnz. Schubkarrenleicht. Blass: die Vergangenheit. Wie Grün.

Aber: Lorca nicht vergessen. Ratten, fiep, nicht verschließen in
Konservendosen. Nicht mehr aufs Land fahren, nicht mehr
anzünden das Stroh auf den pferdeschwarz verkohlten Feldern,
aus dem Autofenster gesehen: wie Tomaten, tief vergraben
im Nirgendwo. Berge: Nirgendwo. Und überall steigt Klage, Rauch,

>>> Angst, Klappe: Klick.

Müdigkeit, seltsam … Wachs auf Neuigkeiten, rosa oder grau, nicht
einmal dran gerochen, nicht … das Lila wusch das Wasser raus:
blitz, kalt, klar, blank, fehl am Platz in dieser Hütte, wo das Holz
sich auf der toten Katze stapelt. Im Lidsein/-schlag wachsen Kerzen.
Kein Streichholz (: Frier). Die Nachtigall hat der Hund geholt. Regentonne.

Tannen, Tannen, Tannen, soweit, Tannen, Tannen, das Auge reicht
nicht aus. Tropfen, Tau, Rinnsal, Sure, Licht aus: -keit, aber
Glockenklang aus der Eiszeit, meterweit zu hören. Nur innen nicht.
Augen zu. Kapseln, die dir der Tiger aufgedrängt hat, mit
seinem Gang. Dein Tag modert unter dem Bett. Plastik gibt es nicht.

Holz, Seele und Süßwasser. Stunden, Uhren: Bergwerke aus kaputten
Fideln. Nester stehen auf dem Dach der Kirche. Sauerstoff
wildert in der Gruft: Choral – Luft – Kammern _ Coltkammern: von
irgendwoher dröhnt es rinn-inn aus den Schatten. Heilige, das
Heilige in ihnen: zu Staub verfallen. Angst vorm Atmen. Mund und

Kugel. Weltkugel, a-round. Handstück, Ballen, Biss. Schlucken von
Striemen auf dem Rücken, alte Striemen: unlängst gelotst
in die Schale, das Becken auf der Wiese … Keine Striemen – Blüten,
faustnussgroß. Blüten: hilftnichtsklein. Wasser
an der Unterseite. An der Oberfläche: sie selbst. Treibend, Stille,

Verlust. Also bitte: Lorca nicht vergessen. Musik nicht lernen. Schluss.

Ja, leck mich fett! Timo aus dem Jahr 1992 zeigt  sich:
>>> https://lyrikpoemversgedicht.wordpress.com/

Wir werfen dir ein Auge hinterher, schenken dir Gehör und halten eine Rede für dich.
Ruhm und Ehre gibst du zurück, für alle Montagslyriker.

>>> Bist du ein Montagslyriker?

Dann zieh dir alle Infos und beantworte die fünf Fragen, montags um sieben ...
>>> https://terencehorn.com/montagslyriker/

Zwingend zu empfehlen:
Prinz Prospero: https://wolkenmelodie.wordpress.com/
Mia: https://miasraum.wordpress.com/

Autor: terencehorn

Auf meinem Blog poste ich Storys aus den 90ern. Zumeist witziges und spontanes Zeugs rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemein.

19 Kommentare zu „Montagslyriker – Lorca nicht vergessen“

  1. Experimentell waren Arno Schmidt, Jürgen Becker und Thomas Kling auch und ich denke, wenn die drei die Möglichkeit gehabt hätten, sich zusammen zu setzen und gemeinsam zu dichten, wäre etwas ähnlich Schönes dabei herausgekommen. Timo hat es ganz allein geschafft, mein Herz mit seiner Lyrik zu erheben. Ich lese sie gerne, diese Satzfetzen, Aufzählungen, Wortschöpfungen, Assoziationen und lasse meinen Evokationen freien Lauf. Klingt alles sehr sympathisch: Der Autor selbst und seine Verse. Menschlichkeit, Charakter treffen mit poetischem Gestaltungswillen und handwerklichem Können auf einander. Ich hatte heute wieder viel Spaß beim Lesen und der Montag ist gerettet. Danke Timo. Danke Terence.

    Der zweite Glücksgriff, die zweite Offenbarung. So kanns weitergehen. Bis nächsten Montag, liebe Leser 😎

    Gefällt 1 Person

  2. Ich hab noch fünf zustimmende Mails erhalten von Leuten, die mitmachen wollen, aber erstmal Zeit brauchen, weil sie sich es noch nicht zutrauen, vor Publikum zu veröffentlichen. Sie loben den Montagsdichter und sind aber noch zu schüchtern, um hier öffentlich aufzutreten. Das kann ich auch verstehen. Lassen wir ihnen die Zeit 😎

    Gefällt 1 Person

  3. Du hast ja keine Ahnung, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich die Einladungen poste. Oh Gott, was sind das für Frauen, diese Lyrikerinnen. Posaunen erklingen, wenn ich mit ihnen in Verbindung trete. Und sie sind nebenbei noch so vieles: Freie Journalistinnen, Buchhändlerinnen, Roch’n Rollerinen, Berlinerinnen .. Ich öffene meine Seele und bin beglückt 😎

    Gefällt 1 Person

Schreibe mir was schönes

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s