Der unausgefüllte Raum, ein Eldorado für Montagslyriker

Blumen, Diamanten, Schmetterlinge
@ Terence Horn

Advent, Advent, die Einkaufstüte brennt

Von drauß, vom einkaufen komm ich her;
ich muss euch sagen, die Leute spinnen doch sehr!
Überall in den Kaufhäusern
sah ich sagenumwobene Sonderangebote blitzen,
Menschenmassen ohne Ende
drückten, flüchten und beschimpften.

Und wie ich wanderte zwischen finsteren Visagen,
da rief es mich mit heller Stimme:
„Terence Horn“, rief es, „du geiziger Schwab,
lass gut sein und komm schnell!
Konsum kann uns mal,
der Raum zur Lyrik ist aufgetan,
alt und jung sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn,
am Montag um sieben, so steht es geschrieben!“

Terence Horn und Prinz Prospero nehmen den Gang raus, schalten die Standheizung an und steigen ein, in den Lyrikraum von Guido Jaackson Wilms
>>> http://lyrikraum.wordpress.com

1. Nenne den Schmerz beim Namen. Wer ist der Dämon, der dich zum Schreiben verführte?

Spiel der Möglichkeiten, rückverfolgen der zurückgelegten Schritte, Sehnsucht nach den Dingen, Musik zwischen den Zeilen.

2. Wer dich kennenlernen will muss wissen, dass du …

Für mich ist Schreiben von etwas wie Atemholen, nach einem Tag des Luftanhaltens, Anstoßen der Dinge, um zu erfahren, dass sie klingen, es immer noch können. Geniessen des Wiederkehrenden, der Erfahrung, dass das Wort Wort hält – ist etwas, das zu mir gehört, seit es sich irgendwann einmal ungefragt zu mir gesellt hat.

3. Welche Götter verehrst du?

Ein Musiker und Künstler, der mich beeindruckt ist sicher der Musiker James Taylor, für den das Schreiben eines Textes und das Entstehen eines Liedes der gleiche Prozess sind, und der sich von beidem mitnehmen lässt, ohne zu wissen, wohin es ihn führt – und den das Ergebnis vielleicht selbst am meisten überrascht. Und er ist ein Beispiel dafür das Alt- Jungwerden sich nicht ausschliessen: Der ältere James Taylor sucht förmlich das Pubklikum, liebt es sich mit seinen Liedern mitzuteilen – in einer Mimik, die in den Gesichtszügen des jungen James Taylor kaum zu finden waren. Über seine Lieder nähert er sich einem nicht wie jemand, der durch das große Frontportal schreitet, sondern wie jemand, der vorsichtig an die Hintertüre klopft.

4. Was tust du, um dein Werk bekannt zu machen?

Beim Schreiben denke ich eigentlich nicht an Wege in die Öffentlichkeit, es reicht mir schon, wenn einige die geschriebenen Texte lesen, vielleicht mehrere Male, sie mitnehmen und wiederfinden. Vielleicht ist das ja schon ein Weg, wohin er denn auch führen mag – in die Bekanntheit oder zum Anderen.

5. Und nun, zeige dich!

Schwan im Dunkeln
@ Terence Horn

Glas und Spiegel

Erst, wenn wir die Vergangenheit
gewesen sein lassen,
haben wir die richtige
Erinnerung an sie.

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Erster Spaziergang

Rheinlandschaft im Morgendunst,
mehr geträumt als gesehen,

bis sie aus dem Nebel auftaucht,
silbergrüner Strom,
der sich in gleichmäßigen Wellenlinien bricht,
klare Wald- und Berglinien,
eingestreute Ortschaften,

Menschen, die in der Weite
erstaunlich langsam unterwegs sind,

als hielten sie schrittweise
vor dem großen Bild an,
das sie wortlos eintreten lässt.

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Kind

Dein inneres Kind sitzt dort,
wo Du gerade sitzt,
dankbar für jeden Blick, den es tun darf,
mit Dir zu spielen,
am liebsten „Ich sehe was, was Du nicht siehst“.

Und es erschreckt sich,
wenn Du ihm Schauermärchen erzählst,
und es glauben machst, sie seien wahr,
durch Schattenspiele an der Wand,
eigentümliche Handverrenkungen –

anstatt sie zu beschließen
mit dem vertrauten Zuklappen eines Buches,
ihm eine gute Nacht zu wünschen;

es gäbe Dir, wie zur Antwort,
ein Bilderbuch in die Hand
mit dem Titel „Tagebuch“,
und dem Untertitel „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“

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Advent

Alle Geschichten
in die eine heimgeholt –

Hirten, Feld und Stern
und wir mitten darin –

Geheimnis der Begegnung,
Lächeln des Kindes
in den Augen des Anderen.

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Impressionismus-Ausstellung

An einigen Bildern
ruhten die Blicke anders aus,
als an bloßen Dingen –
sie ließen sich
von ihnen einfangen.

Ist Wirklichkeit nur Beschreibung,
erinnerten einige,
wovon sie Beschreibung ist:

Dem Innen ans Äußere entstiegen,
Traum einer stillen Bootsfahrt,
wie sie sich zugetragen haben mag,
festgehalten nur die Erinnerung an sie –
zwei weißgekleidete Frauen
in weißem Boot auf spiegelndem Wasser als
Ineinanderfaltung von Blütenblättern –

wirklicher als Wirklichkeit,
die sie mühelos enthielten
und an sich ausruhen ließen.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Veränderung

Fasern einer verschwindenden Wolke
vor einem unverändert blauen Himmel,

der gewiegte Fall eines Blattes,
aufgefangen von einer stillenden Erde,

sich weitende Kreise im Wasser,
mündend in einen unabsehbar sich dehnenden Spiegel,

Verlöschen einer Kerzenflamme,
als würde sich ihre Gestalt zu Worten formen,
ehe sie Unsichtbarkeit annimmt,

Handeln, das einem Sein entsteigt
mit der Zeitigkeit einer geöffneten Blüte.

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Immer wenn der Regen fällt

Immer wenn der Regen fällt,
schauen uns die Farben
auf eine Weise an,
als hätten wir sie vorher nicht gesehen.

Immer wenn der Regen fällt,
weben sich die Stimmen und Laute
in das heimliche Gespräch,
das seine Hände um uns legt.

Immer wenn der Regen fällt,
werden die Gespräche leiser,
weil das Hören wichtiger
als das Reden wird.

Immer wenn der Regen fällt,
bleiben wir öfters stehen,
weil uns der Weg entgegenfliesst
und wir nicht mehr wissen,
ob wir nicht schon angekommen sind.

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Beschreibung eines Waldes

Grün über und unter uns –
die Baumkronen flüstern den Büschen und Gräsern zu,
wie schön es oben ist –

die Sonne blinzelt durch Blätter herab,
öffnet lautlos grünen Raum um uns,
dessen Wände sich mit jedem Schritt zu verschieben scheinen.

Das Aufsetzen der Füße heimaltich abgefedert,
und unser Weitergehen schlägt die stete
Einladung aus, anzuhalten.

Spätestens beim Hinaustreten stellt sich das Gefühl ein,
ihn zu früh verlassen zu haben
und die Dankbarkeit darüber,
dass er unverändert fortbesteht –
unverändert grün.

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Teil von etwas Anderem

Das Leben in eine Geschichte eingefaltet,
deren Gelingen sich anfühlt
wie die Bücherdeckel,
die es einfassen –

und vielleicht nimmt sich der Abgrund,
von dem Du liest,
deswegen so übermäßig aus,
weil Du vergessen hast,
umzublättern.

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Beredtes Hören

Heimatliche Stille der Worte
Lautloses Betreten eines hellen Hauses

Gesprächigkeit eines wärmenden Feuers
Das Verlässliche fließenden Wassers

Erdigkeit der Schrittgeräusche
Das Öffnende des Widerhalls

Erinnerndes Schließen eines Buches

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Alle Montagslyriker wünschen weiterhin eine bewusstlose Adventszeit der hirnlosen Schreiberei, dafür mit Seele und ganz viel Faulenzen.

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Autor: terencehorn

Auf meinem Blog poste ich Storys aus den 90ern. Zumeist witziges und spontanes Zeugs rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemein.

22 Kommentare zu „Der unausgefüllte Raum, ein Eldorado für Montagslyriker“

  1. Tolle Antworten:-) Scheint ein cooler Typ zu sein und er steht auf James Taylor:-) Gut, dem Suizidversuch würde ich jetzt nicht nacheifern wollen, aber sonst eine tolle Wahl:-) Werde mich sicher mal auf dem Blog umschauen, da ich den noch nicht kenne.

    Wie immer ist es ein schöner Montagabend mit viel Inspiration und der Vorstellung eines grandiosen Gedankengutes.-) Danke an Terence, PP und natürlich auch an den mutigen Autor, der sich heute abend hier der Kritik und dem Lob stellt;-)

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich gehe dann mal „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen 🙂
    Richtig schöne Gedichte, die Bilder vor dem inneren Auge und mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Du hast eine tolle, klare und gleichzeitig bunte Sprache, und in den Gedichten und Antworten stecken so viele interessante Gedanken drin, dass es auch bei mehrfachem Lesen nicht langweilig wird und sie mich bestimmt noch eine Weile begleiten werden 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. Die Texte klingen meist apodiktisch: Wie letzte Wahrheiten. Der Autor schreibt oft aus der Sichtweise eines „Du“ oder „Wir“, dabei ist es seine subjektive Sichtweise auf die Dinge und die Welt, die wir in Worten wiederfinden, doch ein „Ich“ habe ich bisher nicht gefunden. Das „Ich“ ist aber ständig vorhanden, das „Ich“ beurteilt, erklärt, interpretiert, analysiert und fotografiert innere Bilder, Impressionen, die nach außen geworfen werden von ihm weg, über die Welt, über das Leben, einem „Du“ oder „Wir“ übergestülpt.

    Mich bringen diese Assoziationen auch zum Nachdenken, aber sie regen mich hauptsächlich zum Widerspruch an, weil es eigentlich wirklich Wahrheiten sind, aber nur die Wahrheiten des Autors, gesehen mit seinen Augen und belegt mit seinen Adjektiven. Man kann die Umwelt auch anders sehen. Nehmen wir als Beispiel mal gleich den ersten und kürzesten Text:

    Glas und Spiegel

    Erst, wenn wir die Vergangenheit
    gewesen sein lassen,
    haben wir die richtige
    Erinnerung an sie.

    Wierder das „Wir“. „Wenn „wir“ so eine Erkenntnis schreiben, klingt das natürlich gleich wertiger und allgemeingültiger, als wenn ein einzelner Mensch diese vorträgt. Aber ist die „Erkenntnis“ denn wirklich objektiv richtig und kann „man“ denn wirklich die Vergangenheit sein lassen und selbst wenn, hätten „wir“ dann wirklich die richtige Erinnerung an sie?

    Und so könnte man alle Texte ad absurdum führen, wenn da nicht die Freiheit wäre, die Welt in Literatur so zu beschreiben, wie man sie rein persönlich und für sich auslegt. Kein Leser wird zur Zustimmung gezwungen, jeder kann hinein und herauslesen aus Poesie, was er möchte und jeder Autor kann sein höchst eigenes Weltbild wiederspiegeln, seine Träume, seine Fantasien, seine Impressionen, seine eigene Sichtweise und sogar seine Meinung. Hier gibt es kein richtig und kein falsch. Texte sollen und dürfen zum Nachdenken anregen, sollen und dürfen zum Widerspruch anregen und was ich heute als tiefste Wahrheit erkenne, das kann ich morgen ganz anders sehen.

    Und so sehe ich in diesen wunderschönen Gedichten auch etwas – ich sagte es schon – wie Fotografien. Es sind Momentaufnahmen vom Heute und Hier einer denkenden und fühlenden Seele, die sich nämlich nicht – wie ich eingangs andeutungsweise unterstellte – auf Ewigkeit berufen. Es sind Tagebuch-Einträge in Versen. Wer sich darauf einlässt, der wird in die Welt dieses Lyrikers mitgenommen, sieht für einen Augenblick mit seinen Augen das, was seine Augen in einem Moment sahen, was sein Geist erkannte und seine Seele empfand.

    Wieder ein Höhepunkt, wieder ein Montag gerettet. Danke an alle Beteiligten. Ich bin begeistert.

    PP 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Kannst du nicht hören?

    Hörst du das Summen der Mücken?
    Hörst du den Regen, der rinnt?
    Hörst du das Tosen des Meeres?
    Hörst du das Lachen vom Kind?

    Kannst du nicht sehen?

    Siehst du die majestätischen Berge?
    Siehst du den glasklaren See?
    Siehst du die blühenden Felder?
    Siehst du den fallenden Schnee?

    Kannst du nicht fühlen?

    Fühlst du die Hand, die dich streichelt?
    Fühlst du den Sand unterm Fuß?
    Fühlst du den Blick, der dir schmeichelt?
    Fühlst du den zärtlichen Kuss?

    Besitzt du die Gabe zu hören,
    zu sehen auch mit Verstand?
    Kannst du noch Zärtlichkeit spüren,
    dann sag deinem Schöpfer „Hab Dank“!

    Danke an Guido Jaackson Wilms für den Abend:-)

    Gefällt 4 Personen

  5. Warmwortig, seelenschmeichelnd und klug beobachtet. Ich mag diese Texte sehr. Ihre Schlichtheit, Unmittelbarkeit und das Unaufgesetzte. Sofort abonniert den Blog. Danke für diese schöne Inspiration am Dienstagmorgen 😉

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  6. Du bist ja eigentlich ein Hesse. Wir suchen uns mal ne gemütliche Theke und du erzählst mir, wie es dich ins Schwabenland verschlagen hat. Die sprechen ja wie im Märchen: Klingt alles so niedlich und man ist dann erschrocken, dass die auch mal böse werden können und das klingt dann nicht mehr märchenhaft ^^

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      1. Der Franke ist ein harter Brocken: Für mich als Hesse schwer verdaulich, weil sich der Drecksack nicht nur wehrt, sondern zurück schlägt .. ^^

        Ich bin übrigens größer Fan der „Altneihauser Feuerwehrkappeln“. Die sind für mich immer der Höhepunkt von Fasching bzw. Karneval, was Fernseh angeht.

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