Was wir in dieser und unser Zeit brauchen, sind Inhalte – Unverschämte Kurzgeschichte

Meine liebsten Bücher

Textschnipsel aus den 90ern

Wie bereits angedroht, möchte ich euch einige unveröffentlichte Passagen aus Lucia – Mein liebster Wahnsinn vorstellen. Textschnipsel, die zum schmunzeln, nachdenken und weinen anregen. Heute gehts los:

„Im Namen der Menschlichkeit, mach das weg!“ bat ich Stoffel, zum zweiten Mal schon. Er drehte noch ein wenig lauter, putzte nebenbei die Bong und gab Eiswürfel dazu. Stilvoll und fachlich einwandfrei servierte er eine Mördermischung.
„Zieh dir den Song rein! Der Typ ist gut!“ wollte uns Stoffel überzeugen, wo es keine Überzeugung gab.
„Bist du völlig durchgeknallt? Mach den Dreck weg! Beim uns am Finanzamt läuft bessere Mucke.“
Boris horchte auf.
„Musik auf der Arbeit? Bist du in der Gewerkschaft, oder was?“

„Das sind Beamte, die haben keine Gewerkschaft.“ antwortete ich sachlich korrekt. Boris ließ diese Tatsache unkommentiert und widmete sich der Bong. Zog den ockergelben Rauch anstandslos weg, hustete einmal und atmete tief aus.
„Und was gibt’s bei dir? Brot für die Welt?“ fragte Stoffel, seinen zynischen Blick auf Boris gerichtet. Boris, der seinen Zivildienst in einer sozialen, gottverpflichteten Einrichtung absolvierte, zog nochmal an der Bong, hustete zweimal und schmunzelte.
„Ich bin bei der Konkurrenz. Ein komischer Haufen. Momentan durchlaufen die so ein Gleichberechtigungsding …“

„Frag mich mal.“ fiel ich Boris ins Wort. Er wollte mich aber nicht fragen und quatschte einfach weiter.
„… es geht noch weiter! Irgendwann schnallten die, so versteht das keiner mehr. Das ist doch Unsinn. Also einigten sie sich darauf, nur noch in der weiblichen Form zu kommunizieren, bis ein Text über Drogenmissbrauch raus kam, in dem ungefähr so was drin stand: Die Drogenkonsumentinnen spritzen sich Heroin, das sie sich bei Rauschgifthändlerinnen besorgten. Und um die Rauschgifthändlerinnen bezahlen zu können, verkaufen sie ihre Körper an Zuhälterinnen und so weiter und so fort.“
Boris ließ seine Worte wirken und nickte vertrauensvoll, um das Gesagte zu bestätigen. Tatsächlich war ich verwundert, mit welcher Sinnlosigkeit hantiert wurde. Auch Stoffel war hin und weg und drehte die Mucke leiser.
„Du verarschst uns?“
Boris verteilte ein Runde Kippen, gab Feuer und fuhr fort.

„Neuerdings geht’s um Inhalte.“
„Was für Inhalte?“ fragte ich.
„Scheiß egal! Es geht nur darum über Inhalte zu reden.“
Boris suchte, drehte und wendete sich. Er schaute sogar unter dem Bett nach.
„Wo sind die Inhalte?“ wollte er wissen.
„Keine Ahnung! Du hast doch damit angefangen“ sagte ich.
„Inhalte! Mit dem Werkzeug in der Hand kannst du komplett argumentbefreit kritisieren, zerreden und deine Gegner nach Belieben ins Abseits kicken. Mit Inhalten kamen die Grünen in den Bundestag. „Inhalte!“
Dieses magische Wort, die einzige und absolute Wahrheit. Davon überzeugt konnte man Wasser in Wein verwandeln.
„Was wir in dieser und unser Zeit brauchen, sind Inhalte. Inhalte, mein Freund! Du schaust erhaben, leicht schwachsinnig an die Decke, entwickelst dadurch eine Aura und die anderen werden sagen Ja! Ja! Inhalte! Wir müssen uns auf Inhalte konzentrieren. Zwei Monate rennst du so rum, dann machen sie dich zum Chef.“

„Und was machst du, wenn dir einer mit Inhalten kommt?“
Stoffel, dieses clevere Bürschchen ließ sich nicht einwickeln und stellte die richtigen Fragen. Doch Boris richtete sich auf, schaute streng und ballte die Faust.
„Dem gebe ich Inhalte in die Fresse!“

Autor: terencehorn

Auf meinem Blog poste ich Storys aus den 90ern. Zumeist witziges und spontanes Zeugs rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemein.

4 Kommentare zu „Was wir in dieser und unser Zeit brauchen, sind Inhalte – Unverschämte Kurzgeschichte“

  1. Gute Schreibe! Die Sprache ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten legt sich das bei Lucia auch, dann ist man mittendrin.
    Der Text ist gut, er hat dieses Etwas. Er bleibt in Erinnerung und man muss drüber nachdenken. So soll Literatur sein.
    Bin gespannt auf das Folgende:-)

    Gefällt 2 Personen

    1. Da du Lucia ja schon gelesen hast, werden keine Überraschungen auf dich zukommen. Das sind alles Texte, die ich rausgenommen habe und die zu schade sind um sie einfach im Papierkorb verschwinden zu lassen. deshalb stell ich sie hier der Allgemeinheit zur Verfügung.

      Gefällt 3 Personen

  2. Finde ich super:-) Ist was Neues und eine ganz andere Erfahrung auch mal die „Randnotizen“ eines Werks lesen zu dürfen. Das ist eigentlich nie möglich. Ich finde das gut. Ist eine mutige Idee von einem Autor. Finde ich sehr cool.

    Gefällt 2 Personen

Schreibe mir was schönes

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s