Der Maiskolben ist größer als die Ratte – Eine Kurzgeschichte

„Es gibt keine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.“
 
Christian Morgenstern

 

„Rossi! Ich guck nach dir, schon die ganze Zeit. Los komm!“
Schnupfi packte meine Hand, wollte mich unbedingt von der Tanzfläche zerren. Worauf ich so gar keine Lust hatte, schon allein wegen seiner hirnrissigen Aktion letzte Woche, als er mein Techtelmechtel mit Bella sabotierte. Dieser kameradschaftliche Amoklauf hing weiterhin unverarbeitet im Raum. Als ich ihn darauf ansprach, druckste er rum und konnte keine Gründe benennen oder wollte nicht. Sein Gehirn musste raten, was Emotionen anging. Womit ich nicht behaupten will, er hätte nie welche gehabt. Schnupfi ging einfach nur falsch mit seinen Empfindungen um. Ein existentielles Gefühlsproblem, das ihn zu einem Sonderling machte. 
„Also los, zeig’s mir.“ gab ich nach und wir gingen nach draußen und suchten uns ein Plätzchen zwischen all den verwinkelten Gassen, Scheunen und Ecken, die mit Einbruch der Dunkelheit uns allein gehörten. Mehr Dorf geht nicht!
„Schon mal gekifft?“ fragte Schnupfi ganz beiläufig, ich hatte diesen einfallslosen Verführer fast überhört. Er packte seinen Tabak aus und tat so geheimnisvoll, als bastle er am ewigen Leben.
„Hasch, oder was?“ fragte ich, neugieriger als mir lieb war.
„Logisch! Mach dich mal locker!“ antwortete Schnupfi, klebte drei Papers zusammen, legte Tabak drauf und kramte nach seinem Feuerzeug, das er in der letztmöglichen Tasche fand.
„Wie ist das so?“ wollte ich wissen, während Schnupfi einen pfenniggroßen, braunen Klumpen heiß machte, winzige Brösel abschabte und sie sorgfältig auf dem Tabak verteilte.
„Ganz entspannt, mach dir keine Sorgen! Mensch Rossi, jetzt mach dich mal locker!“ schimpfte Schnupfi, womit er mich richtig wütend machte und ich ihn anfuhr.
„Was willst du andauernd mit deinem locker? Ich bin locker!“
Der Typ brachte mich aber auch zur Weißglut und ich fand erst Ruhe, als sein Zippo aufsprang und dem Joint Feuer schenkte.
„Hier, probier mal!“ sagte Schnupfi und drückte mir den wild qualmenden Joint in die Hand. Ich nahm den Joint, zog und beobachtete eine Ratte, die einen Maiskolben über den Hof zerrte.
„Blödes Vieh, oder? Der Maiskolben ist größer als die Ratte und trotzdem quält sich das Vieh ab. Die Ratte will mehr als ihr zusteht. Gier dominiert die Ratte.“ philosophierte ich vor mich hin und trat näher heran, an diese Krankheiten übertragende Kreatur. Die Ratte zeigte keinerlei Furcht. Unbeeindruckt zerrte sie an dem Kolben und machte weiter ihre Rattenarbeit.
„Schau genau hin! Die Gier!“ sagte ich, aber weder die Gier, noch die Ratte interessierte Schnupfi. Er nahm mir den Joint ab, zog heftig und schaute angewidert zu der Ratte.
„Los komm, lass uns reingehen.“ nörgelte er rum.
„Warte noch!“ antwortete ich und beobachtete weiter die Ratte, wie sie ihrer Gier frönte.

Bis sie mich langweilte.

Autor: terencehorn

Auf meinem Blog poste ich Storys aus den 90ern. Zumeist witziges und spontanes Zeugs rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemein.

2 Kommentare zu „Der Maiskolben ist größer als die Ratte – Eine Kurzgeschichte“

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