Montagslyriker – Mit Rilke, Haruki und James in der Absinth-Bar

Mann verliert den kopf

Den Narren den Rücken gekehrt,
die ersten Schneeglöckchen geköpft,
lüften die Montagslyriker durch,
lassen den Frühling herein und reißen den Vorhang entzwei.

Madame Hava die Romantische schenkt aus,
an der Absinth-Bar,
in wilden Wäldern,
an unsichtbare Dämonen
und zarte Märchenerzähler:
http://hanna-linn.de/

1. Nenne den Schmerz beim Namen. Wer ist der Dämon, der dich zum Schreiben verführte?

Grausam sind die Götter der Poeten; wenn unsere Werke etwas taugen sollen, müssen wir sie mit unserem eigenen Blut schreiben und unsere Seele Stück für Stück in Worte auflösen.
Zum Glück wurde mir eine Muse von recht fröhlicher Natur zugeteilt, die unbedarft mit den beiden übelsten aller Dämonen schäkert, den Doppelgesichtigen: Liebe und Verzweiflung, Sex und Tod. Dafür ist die werte Dame aufs äußerste hyperaktiv; sie küsst mich zu jeder Stunde, ungeachtet der Tageszeit, und jagt mich von einer Idee zur nächsten.

2. Wer dich kennenlernen will muss wissen, dass du …

(Erzähl uns von deinen Macken, schlechten und guten Eigenschaften, von deinen dunklen Geheimnissen)
Man sollte davon absehen, mich kennenlernen zu wollen, da ich um einiges harmloser aussehe, als ich bin. Das Lächeln einer Frau ist ach so gut geeignet, um über Abgründe hinweg zu trügen. Wer jedoch dem zügellosen Zynismus, der manischen Misanthropie und der spitzen Zunge trotzt, mag irgendwo dahinter ein zartes Herz finden. Vielleicht. So lauten jedenfalls die Gerüchte.
Und keine Sorge, im alltäglichen Umgang bin ich freundlich. Wenn ich mich nicht gerade in wilden Wäldern verstecke oder in der übernächsten Absinth-Bar.

3. Welche Götter verehrst du?

Rilke liebe ich um seiner offensichtlichen Poesie wegen, in der sich das Brutale doch versteckt, und Rammstein verbirgt in seiner Brutalität eine gar feine Poesie, deswegen liebe ich sie auch.
James Joyce, der wunderbare Wortverdreher, bleibt ewig unverstanden, doch bewundert, genauso wie John Irving, den ich gut verstehe in seiner skurrilen Märchenhaftigkeit.
Und dann noch ein verrückter Amerikaner, Tom Robbins: wild, erotisch, komisch; ein atemberaubender Japaner, Haruki Murakami: mutig, fantasievoll, fein; ein nachdenklicher Deutscher, Hans Bemmann, mit seinem Epos „Stein und Flöte“, und zu guter Letzt ein kluger Brite, Terry Prachett, ein unterschätzter Philosoph und für mich ein ewig warmes Wohnzimmer.
Und wer nun aufmerkt, dass dies lauter Männer seien, die vor allem Prosa schrieben, nun, auch Prosa kann recht lyrisch sein.

4. Was tust du, um dein Werk bekannt zu machen?

Ein bisschen habe ich bereits veröffentlicht, ein Lyrikband, selbst verlegt, weil meine Lyrik kaum den Zeitgeist trifft, doch hoffentlich ein paar verwandte Geister, und wenn wir schon bei Geistern sind, dann gibt es da noch „Schneewittchens Geister“, ein Roman, 2014 im Periplaneta-Verlag erschienen, der sich auch weigert, einem Genre anzugehören.
Manchmal lese ich vor, in Zukunft vielleicht wieder mehr, wenn sich eine Zusammenarbeit mit mutigen Musikern ergeben sollte.
Demnächst erscheint ein kleines Interview in einem blutjungen, aber dennoch empfehlenswerten Magazin „Outscapes“. Zum Beispiel. Sonst bin ich eher menschen-zeige-und öffentlichkeitsscheu. Oder kokettiere zumindest damit.
Am liebsten aber wäre mir ein Austausch in Form eines literarischen Salons. Wo alle diejenigen auf durchaus dekadente Weise zusammenkommen, die ihre Werke mit Blut schreiben, vornehmlich mit ihrem eigenen. Zur Not auch mit dem von anderen. Und die sich und ihre Werke dennoch nicht allzu ernst nehmen. Wäre das nicht eine Freude?

5. Und nun, zeige dich!
Fotos von Frau
@ Madame Hava

gebet an die elemente

feuer, verußtes rauchen
so wärme mein gesicht
höre mein schwaches hauchen
atmen kann ich nicht

wasser, kaltes rinnsal
so wasche mein gesicht
sieh meiner wunden qual
heilen kann ich sie nicht

luft, ersticktes wehen,
streichle mein gesicht
spür mein sterbenden atem
mein mund, der atmet nicht.

erde, trockene krume.
verberge mein gesicht
mach aus mir eine blume
denn leben kann ich nicht.

.

szenerie der verlassenen

er mischt den wein mit tränen
er trinkt ihn glas um glas
kein kuß. ein spätes gähnen
nachtwachen ohne maß
erwachen, wunde lider
blinzeln wimpern schwarz
sein leiden ist so bieder.
die birke blutet harz
ihr zartes weiß gebrochen
doch schön und schmal wie stets
sein kotzen dauert wochen
mal kommt`s mal geht`s.
er trauert. da war eine frau
birkengleich schlank und stumm
ihre tränen, wie perlen und tau
warfen ihn endlich um.
sie war weinend gegangen
er blieb blau im bette zurück.
dort hält sein stolz ihn gefangen
er sinniert über schicksal und glück.
niemand will ihn hören.
birken biegen sich wiegend im wald.
er läßt sich beim pissen nicht stören
sein schlaf ist schwer, kurz und kalt.

.

bevor es nacht wird

am abend, wenn köpfchen erscheinen
wie schattenmurmeln im spiel,
wenn geister geschäftig greinen
kostet eine reise nicht viel
durch der dämmerung grenzen
durch die tore „heute“ und „traum“
fremde gesichter glänzen
am himmel wolken wie schaum

am abend, wenn wispernde stimmen
einladend locken: „komm mit
einen funkelturm erklimmen
es kostet nur einen schritt“
sammelt sich zitternde sehnsucht
über erhitztem straßenstaub
durst nach dem saft einer fremdfrucht
lust auf träume im bunten laub.

am abend wandern die seelen
die ohne heimat sind
lassen sich so einfach stehlen
vergehen mit dem wind.

.

körperlos

anstatt einem lächeln nur nichts im gesicht
geschlossene augen, versiegelter mund
die nase ruft: berühre mich nicht
die ohren stöhnen, von innen wund.
haare, wie speere, auf abwehr gestellt
haut aus stahl und doch aus papier
eine faust, die die andre umklammert hält
ein knie, das strauchelt, doch niemals fällt
beide füße verharren im jetzt und hier
die zehen gebogen, wie wurzeln krumm
anstatt einem körper eine festung aus fleisch
das herz schlägt nicht, es springt wütend herum
anstatt einer stimme wortloses gekreisch
blut kämpft sich als säure durch adern aus blei
keuchende lungen pumpen pfeifende luft
durch den darm frisst sich ein ätzender brei
zwischen gefühl und verstand eine ewige kluft
knochen verknotet zu einem gerippe aus stein
einen stachligen schild trägt die leber
das gehirn hinter mauern ist hilflos und klein
die nieren schwitzen giftigen kleber
nur manchmal fällt eine träne
unsichtbar, leise wie seide
manchmal zittern die zähne
in einsam erlittenem leide.

.

flieh

horch: stille und schweigen und ruhe
niemand, der lauscht und wacht
nimm meine hand und die schuhe
wir fliehen hinaus in die nacht

keiner wird uns sehen
wie schatten huschen wir
nach langem langem flehen
entkomme ich mit dir
gras kitzelt nackte waden
ein käuzchen schreit: schuhuu
wer soll uns jetzt noch schaden
nur katzen sehn uns zu
baumstämme wie rettende säulen
wir tauchen im walde ein
wo wilde wölfe heulen
wir werden gefährten sein.
sehn sie die leeren betten
morgen früh, dann ists zu spät
wir konnten längst uns retten
bis dass der hahn laut kräht
in fernen tälern geborgen
zwischen himmel und uns und erde
zerfließen die letzten sorgen
auf dem rücken freundlicher pferde.

horch: es hämmern unsre herzen
doch haben wirs geschafft
vorbei, vorbei die schmerzen
trau dich: wir dürfen scherzen
und lachen. befreit aus der haft.

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„Liebe besteht nicht darin, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt.“

Antoine de Saint-Exupéry

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Autor: terencehorn

Auf meinem Blog poste ich Storys aus den 90ern. Zumeist witziges und spontanes Zeugs rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemein.

7 Kommentare zu „Montagslyriker – Mit Rilke, Haruki und James in der Absinth-Bar“

  1. Wundervoller Text, wie alles, an dem Hanna-Linn Hava beteiligt ist. Sie ist einfach etwas Besonderes, passt nicht so recht in diese Welt und Zeit und bereichert selbige dadurch umso mehr. Ich habe mal das Vergnügen gehabt, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen und rechne noch mit Großem aus ihrer Richtung. Das Geschriebene oben deutet auf ein großes Potential Verrücktheit, Nachdenklichkeit, Poesie und Einzigartigkeit hin.

    Gefällt 3 Personen

  2. Da melde ich mich auch mal wieder,
    ich freue mich hier zu sein.

    Ich finde es sehr interessant geschrieben, ja, schon mysteriös und doch mit mehr Inhalt drin und auch wieder nicht.
    Es ist vieles zusammen, ich kann es gar nicht erklären, was für ein Bild mir gerade im Kopf schwebt. Da bin ich aber denke ich nicht die einzige, nehme ich an. Vielleicht doch? Auf jeden Fall authentisch!
    Ich mag solches, was mich zum reden anregt und nicht einfach ist. Muss die Kunst nicht auch eine Herausforderung für uns sein? Ja, ich denke schon und ich freue mich deswegen!

    Gefällt 1 Person

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