Lesestoff Bukowski, Homer Simpson und ich …

Autor Terence Horn

Lesestoff dreier Helden

Bukowski feiert und ich trink einen mit. Bukowski ,Homer und ich, die ganze, wahre Geschichte … Tu es! Mach es richtig, langsam, doucement …

Zwischen all dem Alkohol, schmutzigen Frauengeschichten und der Gosse war mitunter banales, gespieltes, verlogenes, verleumderisches und überzogenes Geschwätz, weshalb ich hier und da versucht war, die eine oder andere Seite zu überspringen. Mitunter konnte ich den Drecksack nicht leiden, diesen versoffenen Penner, der unverschämt geniale Zeilen zu Papier brachte. Lesestoff, der mich bei der Stange hielten, der mich mitriß in meine eigene Vergangenheit.

Bukowski heulte, als Shirley Temple „I got Animal Crackers in my Soup“ sang. Bukowski heulte in billigen Kneipen. Bukowski läuft in schrecklichen Klamotten rum. Bukowski kann sich nicht unterhalten. Bukowski hat Schiss vor den Weibern. Bukowski hat einen schwachen Magen. Bukowski ist voller Ängste und schiebt einen Hass auf Wörterbücher, Nonnen, Penisse, Busse, Kirchen, Parkbänke, Spinnen, Fliegen, Flöhe und Freaks. Bukowski war nicht im Krieg. Bukowski ist alt. Bukowski kriegt seit 45 Jahren keinen mehr hoch. Wäre Bukowski ein Affe, würde ihn seine Affenhorde davonjagen …“

Mein erster Bukowski „Kaputt in Hollywood“. Keine Ahnung, wie ich zu dem Buch kam. Zuvor hatte ich 15 Jahre nichts gelesen und die 15 Jahre davor das falsche. Es gab einfach keine Bücher. Egal, wo ich hinkam, es gab Drogen, Exzess, Gedächtnisverlust, Scham, Langweile, Kleinkriminalität, Hass, Verrat, Liebe, Gewalt und Tod. Nicht ein einziges Buch. Es gab einfach keine Bücher, bis zu diesem Versehen, Unfall, meinetwegen Schicksal. Wie auch immer, dieses Buch kam zur richtigen Zeit, lag da rum und ich habe es gelesen, kaum was verstanden, aber was ich nicht verstand, hörte sich gut an, verdammt gut. Also las ich dieses Buch nochmal, ein drittes Mal und so weiter. Ich konnte schwer glauben, was da stand. Der Typ stand tatsächlich noch tiefer in der Scheiße als ich. Oder übertrieb er einfach nur, reimte sich was zusammen, guckte bei den anderen ab? Nein, das Zeug kam mir echt vor. Bukowski war vor meinen Augen auferstanden, der Übergang, vom alten zum neuen Testament. Der Anfang von allem. Vor Bukowski herrschte Dunkelheit und danach kam nichts. Wochen, monatelang konnte ich nach einem Bukowski nichts anderes lesen. Bukowski war zu mächtig, er entsprach meiner Art zu leben, meinem Humor, meiner Klasse. Fortan interessierte ich mich für Literatur, Poesie, begeisterte mich für Sprache und lernte auf meine alten Tage zu schreiben. Ich war nun in der Lage meine Erinnerungen zu Papier zu bringen. Las auch die anderen: Hesse, Djian, Hemingway, Celine, ausschließlich Klassiker. Bukowski aber blieb die Wahrheit.

Bukowski? Wer war dieser Mann aus LA, der wie so viele berühmte Amerikaner deutsche Wurzeln hatte? Aber was heißt das schon, gerade in Hollywood, wo kaum ein Schauspieler ohne deutsche Verwandtschaft über die Leinwand wackelt. Scheiße Mann, sogar Bruce Lee hatte einen deutschen Großvater. Bukowski kümmerte sich nicht darum. Bukowski war das Ideal eines verlorenen Träumers, der letzte Outlaw, Alkoholiker, Arschloch, Familienvater und Schriftsteller. Bukowski versteckte seine Fehler nicht, ganz im Gegenteil, er gab damit an. Beschissene Jobs, Magendurchbruch, schlechte Nerven, der ewige Kampf ums Überleben unter der Sonne Kaliforniens. An diesem schönsten, reichsten und fortschrittlichsten Flecken der Erde lebte er ein unerträglich hartes Leben, getränkt in billigen Alkohol, in der Gewissheit, der größte lebende Dichter zu sein. Wer Bukowski verstehen will, muss den Alkohol verstehen, muss lernen ihn zu lieben und zu hassen, und er muss süchtig sein. Er muss die Veränderung spüren, den Hass, die Hoffnung und den Schmerz. Bukowski ist dran zerbrochen, viele tausendmal, ist er eben nicht liegen geblieben, sondern auferstanden und weitergelaufen, bis zu seinem Tod. Ja, er ist tatsächlich gestorben. Bukowski war ein Mensch und vielleicht ist Homer Simpson auch ein Mensch und vielleicht kommen wir irgendwann, irgendwo zusammen und quatschen ein wenig, über das Leben und den Tod und vielleicht wird es ein guter Abend. Prost!

Auf den Alkohol! Ursprung und Lösung all unserer Probleme“

Homer Simpson

Es gibt nichts Verlockenderes als eine Frau, ein Auto, Alkohol und die Nacht.“

Terence Horn

Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.“

Charles Bukowski

Charles Bukowski

Vergiss es! Du bist nicht Bukowski, nicht mal Jesus. Keiner wird je Bukowski sein, nicht mal er selber konnte ihn überzeugend spielen. Bukowski war eine Illusion, eine Spiegelung der heißen Sonne Kaliforniens, ein falsch verstandener Traum, eine Romanfigur, die andere Seite von Hollywood. Bukowski war kein guter Mensch. Trotzdem war er wichtig, heute mehr denn je. Aber lassen wir das. Reden wir nicht darüber was heute ist, reden wir nicht über selbstgerechte Arschlöcher. Lauschen wir der Vergangenheit, einmal noch …

Lesestoff aus dem Roman „Engelhorn“

Ich stand vor einer dieser Türen. Mein ganzes Leben schon stand ich vor einladenden Türen. Treten Sie herein, der Eintritt ist frei! Bla, bla, bla … Anfangs noch schüchtern, klopfte ich leise an, drückte vorsichtig den Türgriff herunter. Mit dem Gezeter war ich durch. Ohne Rücksicht oder Skrupel, dass es nur so knallte klingelte ich an der Tür. Nochmal … sechs, sieben, fünfzehnmal, bis sich ein Spalt öffnete.

Servus Ouzo, hast du Zeit?“ fragte ich höflich.

Sag mal, was ist denn hier los? So was Hartnäckiges gibt’s doch gar nicht!“, knörte Ouzo rum, schaute sich nach hinten um, kam näher ran und flüsterte mir ins Ohr:

Ich hab da was auf der Matratze.“

Zweitausend für fünf Minuten Arbeit“, flüsterte ich ihm ins Ohr. Ouzo stand nackt vor mir. Widerlich nach Geschlechtsverkehr riechend, spielte er an seinem halbsteifen Schwanz rum. Seine Antwort kam staubtrocken, wie nur er dazu befähigt war:

Die Matratze ist morgen auch noch da. Komm rein! Mach aber leise die Tür zu.“

Ouzo war dauerpleite und hatte nach eigener Aussage stets ein gut sortiertes Rudel Weiber am Start. Charmante Damen mit häuslicher Neigung zum Gemütlichen, mit Heroin und so. Für einen Junkie absolut ungewöhnlich, konnte man sich auf Ouzo tatsächlich verlassen. Die Idealbesetzung für ein abendfüllendes Kleinkriminellen-Drama.

Wart hier! Ich zieh mir nur kurz was an“, sagte er und verschwand mit einer pfeilschnellen Bewegung in einem der Zimmer. Ouzo mochte keine Möbel. Sein Hab und Gut verteilte sich über den Fußboden, weshalb ich nur zu gern im Flur wartete. Soweit ich mich erinnerte, gab es in der Küche einen Kühlschrank und in seinem Schlafzimmer lag so etwas wie eine Matratze. Klamotten, Essen und anderes Zeugs verteilte er unsortiert über den versifften PVC-Boden. „Ich zieh mein Ding durch! Verstehst? Die Weiber lieben mein Ding! Die Girls sind süchtig nach diesen fünfundzwanzig Zentimeter pulsierendem Fleisch“, so oder so ähnlich drückte sich Ouzo aus, übrigens bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Laut lachend wiederholte er sich, sprach ununterbrochen vom Ficken und am liebsten von seiner Anakonda.

Eine krächzende von Tabak, Alkohol und Heroin ruinierte Frauenstimme dröhnte aus dem Zimmer am Flurende. Fordernd und anklagend schrie dieses Monster durch die heruntergekommene Altbauwohnung.

Du Sohn einer rothaarigen Wanderhure! Du hast mich nicht fertig gebumst und willst abhauen? Du …“

Ouzo kam aus dem Zimmer gerannt und duckte sich vor einem schweren Gegenstand, der tödlich über seinen Kopf hinweg flog. Ein stählern glitzerndes Objekt, das durch die Luft zischte und krachend im gegenüberliegenden Zimmer einschlug. Ouzo hob die Hände, murmelte irgendwas und wendete sich flehend an einen Gott, der in seiner Flurdecke wohnte. An eine übergeordnete Macht, an die er nicht glaubte, die ihm nicht helfen würde. Ouzo war allein auf dieser Welt, dessen war er sich bewusst. Er musste an sich selbst glauben und das tat er auch. Ouzo war stark.

Bin gleich wieder da! Ich hol nur schnell Zigaretten“, sagte er beiläufig, während das Matratzenmonster durch die kleine Wohnung tobte. Auf der Suche nach irgendwas, an dem sie ihre Wut auslassen könnte. Diese Frau war ganz sicher geisteskrank. Also schaute ich zu, dass ich da rauskam. Gebückt flüchtete ich auf die Straße, Ouzo knapp hinterher mir. Seine Schuhe hielt er in der Hand.

Lauf!“, befahl er. Um zwei Ecken rum, die Fischergasse runter, hörten wir sie immer noch schreien:

Du Bastard! Du …“

Ihr Hass auf Ouzo, auf die ganze Welt, war gnadenlos. Kein Ende in Sicht. Erst als wir in meinem Wagen saßen, fühlte ich mich wieder sicher.

Das ist der Grund warum ich keine Möbel hab. Alles zerstört!“, erklärte mir Ouzo. Die Augen weit aufgerissen, dem Leben so nah.

Da ist keine dabei, die mich nicht liebend gern umbringen würde. Was mich rettet ist mein Schwanz und das verfluchte Heroin.“

Ich startete den Admiral, steuerte ihn aus der Parklücke und gab den hundertfünfundvierzig eingespannten Pferden die Sporen. Ein unaufhaltsamer Panzer setzte sich in Bewegung. Die Stadt raus, war ich frei. Konnte tun und lassen, was ich wollte. Die Welt sollte mein treuer Untertan sein, aber soweit war ich noch nicht. Zunächst erklärte ich Ouzo die Situation.

Pass mal auf! Ich hab Kohle einstecken, um vier Kilo Dope aus Frankfurt zu besorgen. Jedoch ist das Ganze zu einer komplizierten Geschichte geworden … auch nicht wirklich interessant“, druckste ich rum. Ich wollte Ouzo für die Sache nicht nur gewinnen, ich wollte ihn begeistern.

Autobahn dicht, Stau und so … Fakt ist: ich hab keinen Dope und die Kohle will ich nicht zurückgeben.“

Ouzo zuckte mit den Schultern. Er verstand mich nicht und Begeisterung sah anders aus. Ich musste näher an den Punkt rücken.

Wir fahren zu einem Treffpunkt. Du zerreißt dein Hemd und los geht’s. Einverstanden?“

Ich soll für Zweitausend mein Hemd zerreißen?“

Genau das!“

Ich hab aber nur ein T-Shirt“, sagte er, ohne irgendwelche Zwischentöne. Ouzo packte ein Stück seines T-Shirts und zeigte es mir. Vielleicht als Beweis, damit ich ihm auch wirklich glaube. Eine kurze Pause entstand, während der ich mich fragte, ob er sein Gehirn Spritzer für Spritzer den Vaginas dieser wahnsinnigen Matratzenluder opferte? Ob er mich verarscht?

Irgendwas! Zerreiß irgendwas!“

Ouzo nickte und ich meinte, er hätte mich verstanden. Unterwegs kauten wir die Details durch. Ich erklärte Ouzo, auf wen wir treffen und wie wir den Roller durchziehen.

Könnte schwierig werden! Zu viele offene Fragen, zu viele Unbekannte. Die Typen haben doch keine Knarren oder so?“, fing er an mich zu nerven.

Ouzo! Wir fliegen nicht in das verfickte Kolumbien, zu dem scheiß Escobar. Sehe ich aus, als ob ich jemandem Ärger machen will?“

Was weiß ich wie du aussiehst? Tatsche ist, Du machst jemandem Ärger. Und wenn da mehr als zwei Typen rumstehen müssen wir improvisieren.“

Die restliche Fahrt schwiegen wir und mit jedem Wort, das nicht ausgesprochen wurde wuchsen unsere Zweifel.

Der Supermarkt war längst geschlossen, rundum gähnende Leere. Keine Zeugen, nur tiefschwarze Nacht. Außer dem kahlrasierten Businessman und dem Olm war niemand zu sehen, nicht ein Lebewesen. Sichtlich gelangweilt standen sie vor einem gangstermäßig aufgemotzten, matt-schwarzen Sternenkreuzer und rauchten Zigaretten. Sie freuten sich wirklich uns zu sehen. Unser Theaterstück konnte beginnen, ohne Probe oder so. Mit miesen Fressen stiegen wir aus, da war gleich mal die Luft raus. Schauspielerische Klasse abrufend, mussten wir authentisch wirken und genauso spulten wir unsere Story vor diesem kritischen Publikum runter.

Die falschen Typen … eine dunkle Ecke … ein Messer an der Kehle … Die Kohle ist weg!“

Zugegeben kein raffinierter Roller, nur hatten wir nichts anderes. Labern bis die Schwarte kracht. Mit aller Macht wollten wir glaubhaft rüberkommen und was mir besonders gut gefiel, Ouzo brachte sich voll ein. Ein ums andere Mal rettete er unsere lädierte Glaubwürdigkeit, drehte auf und ließ uns nach einem dramatischen Schlussakt aufrecht in die Gesichter der Zuhörer blicken. Gespannt wie unsere Kritiker reagieren, machte der Olm einen auf sechzig Millionen Jahre alte Versteinerung. In Ewigkeit gemeißeltes Entsetzen, gab er keinen Laut von sich und schwieg. Der kahlrasierte Businessman wirkte gefasster und stieg mit ein, in das große Drama.

Scheiß egal, was da los war. Wir wollen unser Geld!“, spielte er seine Rolle gar nicht so schlecht, forderte uns sogar noch heraus, sodass wir liefern mussten. Wir brauchten mehr Emotionen, mehr Gefühl, mehr Pathos und zwar sofort. Rasch drückte ich auf die Tränendrüse.

Wie soll ich Zweiundzwanzigtausend auftreiben? Versteh doch, die Kohle ist weg und kommt nicht mehr zurück“, kam ich auf der Mitleidstour angekrochen, alle Register ziehend.

Risiko! Da kann man nichts machen“, sprang mir Ouzo zur Seite. Entschuldigend zuckte er mit der Schultern, als ob das ausreicht ungeschoren zweiundzwanzigtauend Mark abzugreifen.

Euer Risiko! Morgen will ich mein Geld! Habt ihr Lutscher das verstanden?“, verdeutlichte der kahlrasierte Businessman seinen Standpunkt. Bedrohlich ging er auf mich zu, fauliger Atem schlug mir ins Gesicht. Er war der Mann und musste etwas unternehmen. Stärke beweisen vor denen, die nichts zu verlieren hatten.

Morgen bringst du die Kohle! Sonst reißen wir dir den Arsch auf!“, untermauerte er seine Forderung in aller Deutlichkeit. Mit glühenden Augen und hochrotem Kopf drückte er mir den Finger in die Brust, bereit zu explodieren. Unüberlegte Beleidigungen lagen auf meiner Zunge, bereit ihre dreckige Arbeit zu tun. Ich wollte mir nichts gefallen lassen, da verdiente sich Ouzo seine Zweitausend.

Was? Was willst du dagegen tun?“, klatschte ihm Ouzo die Worte ins Gesicht. Geschickt stellte er sich zwischen uns, direkt vor den kahlrasierten Businessman. Auf Augenhöhe faltete er ihn zusammen.

Pass schön auf, Freundchen! Wenn ich mich wegen dir bemühen muss, dann nicht nur wegen einer Schelle. Das knallt dann richtig! Verstehst?“

Der kahlrasierte Businessman starrte Ouzo mit aufgerissen Augen an. Derart zurechtgestutzt verließ ihn der Mut. Eingeschnappt und über alle Maßen wütend stieg er in seine Angeber Karre und ließ das Fenster runter.

Ihr seid tot! So was von tot!“

Große Klappe, auf leerer Straße!“, warf ihm Ouzo hinterher und beendete damit den letzten Akt.

Wir geduldeten uns, bis der Wagen um die Ecke bog. Dann verfielen wir einer Euphorie. Ouzo umfasste mit seinen riesigen Pranken meinen Kopf, machte damit was er wollte und küsste mich auf die Nase.

Hast du den Eierschädel gesehen? Der war ja komplett abgemeldet“, jubelte Ouzo, tanzte um mich herum und hob mich mehrere Male in die Luft.

Dein Ding! Das ist dein Ding! Du hast die größten Eier von allen!“, klopfte ich Ouzo auf die Schulter, während der sich kraftvoll in den Schritt griff. Sein Gemächt schaukelnd sprang er unbeschwert umher. Ein ausgewachsener Gorilla, der brüllte und tanzte. Ein Sieg über das Leben.

Wir bestiegen den Admiral. Ich gab ihm die Sporen und spürte dieses Kribbeln, welches sich von den Füßen aufwärts über den ganzen Körper ausbreitete. Es war noch nicht vorbei. Eine tödliche Leidenschaft lag noch vor uns. Ein Verlangen, nach dem ich süchtig war. Jeder Unebenheit gab ich einen Namen, verehrte die Gefahr und liebte ihre Kurven. Gas geben was die Kiste hergibt, schonungslos die Straße entlanggebrettert. Voller Freude, Mut und Lebenslust durchflogen wir die ländliche Gegend auf der Suche nach unseren Herzen.

Rossi! Rossi, Rossi! Hör mal zu!“ „Bitte!“ „Verdammte Scheiße! Ich hab keinen Bock in der Dreckskarre zu verrecken!“ „Bleib auf der Spur …“ „Rechts! Wir fahren rechts!“

Mit jeder Bodenwelle verlor Ouzo Gesichtsfarbe, alterte Meter für Meter und starb ungezählte Tode auf dem Beifahrersitz. Zusammengeknäult schlug er die Hände vors Gesicht ohne jede Hoffnung zu überleben. Dabei waren es noch fünfhundert Meter bis zur doppelten S-Kurve. Unbestreitbar das hinterhältigste Stück Asphalt in Mitteleuropa. Beide Fahrbahnen waren flankiert mit alten Gebäuden aus Kalkstein, kein Bürgersteig links und rechts, mehr so eine Art Tunnel. Bei Gegenverkehr gab es kein Entkommen. Null Chance, das musste man so hinnehmen. Eine lohnende Herausforderung, die sich ihren Respekt mit dem Leben derer erkaufte, die es eben nicht schafften.

Weißt du, warum die Engländer links fahren?“, fragte ich Ouzo, sein Wissen auf die Probe gestellt.

Schau auf die Straße! Schau auf die scheiß Straße!“

Bei Turnieren führten die Ritter ihr Pferd links, damit sie die rechte Hand frei hatten, um eine Waffe zu halten. Ein Schwert, Morgenstern oder sonst was, womit sie einen Kopf abschlagen konnten.“

Ouzo gab keine Antwort, obwohl er die erste Kurve noch relativ schmerzfrei überstand. Die zweite schnitt ich etwas zu stark, driftete ab und glitt haarscharf, der Außenspiegel musste dran glauben, an einer mittelalterlichen Kalksteinmauer entlang. Ich musste die Kiste kontrollieren! Zurück auf die Strecke! Irgendwas vögeln! Ich musste leben! Links, aus der letzten Kurve raus, trat ich voll durch und war bei der Einfahrt auf die Gerade schon wieder bei hundertsechzig. Acht Minuten später standen wir vor Ouzos Bude.

Rossi, wenn du einen Roller am Start hast. Denk an mich! Aber eins sag ich dir: Nie wieder! Ich schwöre! Nie wieder setz ich mich zu dir in die Karre!“ Ouzo steigerte sich rein, fuchtelte mit den Armen vor mir rum und regte sich auf:

Meine Fresse! Ich war fest davon überzeugt, wir verrecken da draußen …“

Hör auf zu heulen!“, unterbrach ich ihn bei seinem Gejammer.

Gott wollte nicht, dass wir sterben. Das würde er nie zulassen“, wollte ich angeschlagenes Vertrauen zurückgewinnen. Ouzo schaute weiterhin skeptisch, durchsuchte seine Taschen und holte einen Bund Schlüssel raus.

Was machst du mit der Kohle?“, fragte ich, einfach nur so.

Weiß nicht, wahrscheinlich fahr ich nach Chic und hol Shore.“

Du und dein Heroin. Hab ich nie verstanden.“

Wir gaben einander die Hand, wie man das richtig macht und schenkten uns einen Augenblick.

Mach’s gut, Ouzo!“

Ja, Mann. Hau dich rein!“

Ouzo schloss die Türe auf und los ging’s:

Na, schau einer an, der Hurensohn ist heimgekehrt. Auferstanden, oder was? Du Bastard …“

Ouzo drehte sich noch einmal um, schenkte mir sein Gewinnerlächeln und stellte sich seinem Leben. Er kam klar.

Autor: terencehorn

Auf meinem Blog Terence Horn poste ich Lesestoff aus den 90ern, aktuell auch neues Zeug, siehe "Joshua - Die Liebe Gottes". Witziges, spontanes Zeugs rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemein.

4 Kommentare zu „Lesestoff Bukowski, Homer Simpson und ich …“

    1. Dankeschön! Bukowski ist natürlich nicht unbedingt der Lieblingsautor der Frauenwelt, eher ein Relikt der Vergangenheit. Mir gefällt einfach sein Schreibstill und wie er sein Leben meisterte. Hinter dem harten Kern steckt ein großer Künstler.

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