Zum 100. Geburtstag des amerikanischen Poeten Charles Bukowski

Henri Chinaski, der Mann aus Andernach

Gebräunte Körper, strahlende Stars, Glitzer und Glamour, der endlose Pazifik vor der Haustür. Dem Smog zum Trotz, kann man es sich schön machen, in Los Angeles, Kalifornien. Nehmen wir also an, er liegt nicht unter einer Marmorplatte, mit der Aufschrift „Don’t try“. Gehen wir davon aus, er steigt gegen Mittag aus seinem Bett, zündet sich eine Kippe an, frühstückt gut, geht anschließend in den Garten, mäht den Rasen, malträtiert ein, zwei Stunden seine Schreibmaschine, trinkt seine tägliche Ration. Natürlich viel weniger als früher, lebt sein Leben. Was hätte er noch geschrieben, an sensationellem Material?

Mit Pulp (Privatdetektiv Nicky Belane auf Sauftour durch die Vergangenheit) seinem letzten Roman, verließ er sich selbst, schrieb nicht mehr über Henry Chinaski, sondern erfand eine Story, die ganz nett rüberkommt aber halt aus der Luft gegriffen ist, ohne Bezug zur Realität. Bukowski hatte es hinter sich gebracht, die Sauferei, die Weiber, den Exzess, das Abenteuer. Er war nicht mehr der meistgeklaute Autor, das pöbelnde Genie, der ewig berauschte Außenseiter, Poet der Gosse, er wettete nicht mal mehr auf Pferde. Bukowski hatte die Füße hochgelegt, Tomaten angepflanzt, die Prominenz im Haus, dachte sich was aus. Wer wollte es ihm verübeln? Frieden, nach den harten Jahren. Ruhe, nach der er sich so sehnte. Wahrscheinlich hätte er nichts Überragendes mehr zu Papier gebracht. Bukowski war satt, ihm fehlte der Stoff, das Leben auf der Straße.

1994 verließ er uns, mit 73 Jahren. Ich hatte das damals nicht mitbekommen, Mitte der 90er kannte ich Bukowski nicht, hatte nie von ihm gehört, las auch nichts. Ich hatte eine Freundin, Freunde, ein Auto, jede Menge Spaß. Mit meinen 21 Jahren befand ich mich auf dem Höhepunkt meines Schaffens. Ein spannendes Leben, das mich irgendwann in die Knie zwang, bis ich ruhiger wurde. Heute schreibe ich über die Zeit, die hinter mir liegt und das nur, weil zur richtigen Zeit Bukowskis „Kaputt in Hollywood“ vor mir lag. Er war der Anfang und ich wusste, er dachte genau wie ich:

„Ich habe zahlreiche Briefe von Lesern erhalten, die mir schrieben, meine Bücher wären ihre Rettung gewesen. Doch dafür habe ich nicht geschrieben, einzig um meinen eigenen Arsch zu retten.“

Am 16. August 1920 brachte Katharina Fett in der Aktienstraße 12 in Andernach ihren einzigen Sohn Heinrich Karl zur Welt. Der Vater, Henry Bukowski, war als amerikanischer Soldat nach dem 1.Weltkrieg in der Eifel stationiert. Drei Jahre später, der Umzug nach LA, womit die Probleme für Bukowski nicht weniger wurden. Akne, Alkohol, Anders als die Anderen. Bukowski lernte früh und schmerzhaft, dass er kein Sonntagskind ist, dass er sich durchbeißen muss, auf die harte Tour. Niedergeschrieben in dem Roman “Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“.

Bukowski schrieb, als wüsste er Bescheid, als kannte er die Wahrheit oder zumindest eine Version davon. Das stimmte natürlich nicht ganz, in seinem Herzen war er ein kleiner Junge, wie wir alle. Er peppte seine Geschichten auf, besonders die Liebesgeschichten. Mit drei Promille im Blut setzt der Körper halt andere Prioritäten. Dies bezeugt ein angebliches Zitat von ihm:

„Das einzige, was in diesem Raum noch steht, ist die Lampe.“

Meine Oma wird nächstes Jahr tatsächlich 100 Jahre alt, geboren in der Weimarer Republik, drei Jahre nach dem Ende des Deutschen Kaiserreichs, überlebte sie Hitler, den Kalten Krieg, RAF, Hemingway, Elvis, Michael Jackson, Mondlandung, Woodstock, Vietnam, Kubakrise, Weltwirtschaftskrisen und ein Wirtschaftswunder. Das 20. Jahrhundert hatte doch einiges zu bieten. Mitte der 90er gings dann bergab, bis zu dem Trauerspiel, mit dem wir uns heute herumschlagen. Bonjour tristesse!

„Du hast dich geweigert, wegzugehn. Du hast ne ganze Flasche Whisky getrunken und ständig gesagt, du würdest mich im Stehen ficken, mit dem Rücken gegen die Bücherwand.“
„Hab ichs getan?“
„Nee.“
„Ah, dann vielleicht beim nächstes Mal.“

Natürlich ist es leicht, zu sagen, alles ist schlechter geworden. Die Verlockung ist groß, die eigene Jugend vorbei aber verdammt nochmal: Was hat sich denn gebessert? Mitte der 90er glaubten wir an Freiheit, die Zukunft, ein besseres Leben, und was ist daraus geworden? Trump, Putin, Erdogan, irreparable Umweltschäden, weniger Sex, kaum noch Kneipen, Vereinsamung, Datenschutz, ein Planet kurz vorm Kollaps. Bukowski hätte unsere Zeit nicht gemocht, bei aller Toleranz, die er an den Tag legte:

„Feminismus existiert einzig, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren.“

Dabei führte Bukowski ein vorbildliches, klimaneutrales Leben. So unternahm er nicht mehr als eine Fernreise und die weitestgehend dienstlich, zurück zu seinen Wurzeln. Bukowski versorgte sich teilweise selbst, aus seinem Garten, mit Orangen und Tomaten, heirate eine Bioladen-Besitzerin, kaufte beim lokalen Spirituosenhändler, trug Secondhand. Der Mann könnte heute problemlos an der Spitze von Fridays for Future mitlaufen. Bukwoski schrieb über Kleinkriminelle, Alkoholiker, Obdachlose, Prostituierte, der genügsame Bodensatz einer jeden Gesellschaft und garantiert ist keiner der genannten für Klimawandel, Ausbeutung der Ressourcen, Umweltverschmutzung oder sonstige planetenschädliche Sauereien verantwortlich. Verantwortlich sind unersättliche Politiker, skrupellose Wirtschaftsbosse, Cocktail schlürfende Schauspieler, Musiker, Sportler … die mit 50 Meter Yachten durch Naturschutzgebiete schippern, 500 PS Autos fahren, 400 qm Villen bewohnen und andere Asoziale, die den Hals nicht vollkriegen, sich auf die eigene Überlegenheit einen runterholen, political correctness predigen und den Planeten mit Vollgas gegen die Wand fahren. Fickt euch, ihr Wichser!

Bukowski hasste die Frauen nicht, wie viele annehmen. Er schrieb über die Liebe, über Frauenkörper, ihren Charakter … mit seinen Worten, in der Sprache seiner Gesellschaft, einer harten, Menschen unwürdigen Umgebung, die er sich nicht aussuchen konnte. Wer lebt schon gern am Rand, in der Gosse, in Armut und wird auch noch dafür beschimpft, mit dem Finger auf einen gezeigt. Was Bukowski tatsächlich für 2020 disqualifiziert, ist seine Ehrlichkeit. Damit kann heute nun wirklich keiner etwas anfangen.

Bukowski, das Ideal eines Bohème, der Inbegriff der Avantgarde, auch wenn er diese Begriffe nie verwendet hätte, diese Ecke gemieden hat, wie die Pest. Ich bin eher zufällig, bei Wikipedia, über den entsprechenden Artikel gestolpert und war erstaunt über die Definition. Exzentrisch, Verweigerung jeglicher Gesetze und Normen, Ablehnung des Elternhauses, Sehnsucht und Hingabe an die Literatur, komme was da wolle, auch wenn es nicht zum Überleben reicht; ist sich selbst sein liebstes Motiv und muss er einem Beruf nachgehen, um Geld zu verdienen, betrachtet er dies als aufgezwungene Sklaverei. Ein Bohème verstößt gegen die Normen der Lebensführung, der Avantgardist bekämpft die Regeln der Kunst. Bukowski widersetzte sich allem, einfach weil er nicht dazu gehörte, sie ihn nicht akzeptierten, bis er größer wurde, als seine Kritiker. Das ist auch der Grund, warum er letztlich kein Bohème oder Avantgardist war, Bukowski war ein Outlaw, der einfach nur überleben wollte, sich durchboxte, der sich seines Talents bewusst war, daran verzweifelte und dennoch weiterlief, bis zum Schluss. Oder wie es Mike Tyson formulierte:

„Jeder hat einen Plan, bis er den ersten Schlag in die Fresse bekommt.“

Die Leute laden sich Schuld auf, Leben zu wenig, Lachen auf Sparflamme. Bukowski brachte mich zum Lachen, spendete Trost, zeigte mir, dass ich nicht alleine bin, Schmerz zum Leben dazu gehört und das es irgendwann besser wird, wenn man sich ein Refugium aufbaut, abseits menschlicher Hässlichkeit. Ich werde also auf ihn anstoßen, alleine, ohne Stress und Gequatsche, auf die guten alten Zeiten, als noch gevögelt und geliebt wurde.

Prost, mein Freund und grüß mir die anderen!

Götter
Anton Pawlowitsch Tschechow, Ernest Hemingway, Louis-Ferdinand Céline, John Fante

Veröffentlicht von

Terence Horn

Auf meinem Blog Terence Horn poste ich Lesestoff aus den 90ern, auch mal aktuelles Zeug, siehe "Joshua - Die Liebe Gottes". Witziges, spontanes Material rund um Betäubungsmittel, Mädchen und den Wahnsinn im allgemeinen.

3 Gedanken zu „Zum 100. Geburtstag des amerikanischen Poeten Charles Bukowski“

  1. Kann man einen Blogpost lieben? Auch wenn ich selbst inzwischen auch zu 15,7% einer der Wichser bin die es sich einfach gut gehen lassen, vermisse ich doch den M. der sich friedensbewegt durch die 80er kämpfte, jung aber alt genug, nicht weise aber mutig. Und dann, als irgendwie alles starb, was uns wichtig war, sich weiter durchs Leben prügelte bis zum heutigen Tag. Bin heute 55 geworden und saufe zwar nicht so viel wie Bukowski, aber erhebe hiermit mein Glas auf dich, Terence, und auf ihn, Charles, und alle die ein bisschen Blut im Gehirn behalten haben… auch wenn es mit einem dekadentem Martini ist. Auf Euch!

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