Die Auferstehung des Charles Bukowski

Zwischen all dem Alkohol, schmutzigen Frauengeschichten und der Gosse war mitunter banales, verleumderisches und überzogenes Geschwätz, weshalb ich hier und da versucht war, die eine oder andere Seite zu überspringen. Mitunter konnte ich ihn nicht leiden, diesen selbsternannten, größten Dichter der Menschheit, der unverschämt geniale Zeilen zu Papier brachte. Lesestoff, der mich bei der Stange hielt, der mich mitriss, in die eigene Vergangenheit.

Bukowski heulte, als Shirley Temple „I got Animal Crackers in my Soup“ sang. Bukowski heulte in billigen Kneipen. Bukowski läuft in schrecklichen Klamotten rum. Bukowski kann sich nicht unterhalten. Bukowski hat Schiss vor den Weibern. Bukowski hat einen schwachen Magen. Bukowski ist voller Ängste und schiebt einen Hass auf Wörterbücher, Nonnen, Penisse, Busse, Kirchen, Parkbänke, Spinnen, Fliegen, Flöhe und Freaks. Bukowski war nicht im Krieg. Bukowski ist alt. Bukowski kriegt seit 45 Jahren keinen mehr hoch. Wäre Bukowski ein Affe, würde ihn seine Affenhorde davonjagen …“

Ich steckte fest, irgendwo auf dem Weg von einem In-den-Tag-lebenden-Jugendlichen zu einem reifen und verantwortungsvollen Erwachsenen. Orientierungslos ließ ich mich treiben, feierte übertrieben, wechselte die WGs, stützte ab. Man kennt das ja, die ewige Suche nach dem nächsten, noch heftigeren Kick, die gleichen Partys, dieselben Gesichter. Wo ich auch hinschaute – es gab keine Bücher. Es gab Drogen, Exzess, Gedächtnisverlust, vergebene Chancen, Langweile, Kleinkriminalität, Verrat, Liebe, Gewalt und Tod. Nicht ein einziges Buch, hier und da eine Zeitschrift, Werbung. Ich stand auf der Kippe, als er so vor mir lag, mein erster Bukowski: „Kaputt in Hollywood“.

Bukowski kam zur richtigen Zeit, obwohl ich nicht verstand, um was es überhaupt ging. Aber was ich nicht verstand, hörte sich gut an. Ich las diese heilige Schrift noch einmal, ein drittes Mal und so weiter. Bis ich begriff, der Typ steht noch tiefer im Dreck, als du selbst. Es schien fast so, als machte ihm der Scheiß auch noch Spaß. Oder übertrieb er einfach nur, reimte sich was zusammen, guckte bei anderen ab? Mir jedenfalls kam das Zeug echt vor. Bukowski war vor meinen Augen auferstanden, der Anfang von allem. Vor Bukowski herrschte Dunkelheit und danach kam nichts. Ich las seine Romane, Gedichte, jeden Fetzen Text, den ich zu greifen bekam. Ich war infiziert, brauchte täglich neuen Stoff – bis nichts mehr da war.

Ich musste mir was anderes suchen, neue Autoren. Ich ging in Buchläden, Büchereien, den ein oder anderen Flohmarkt. Fand aber nichts, einfach weil Bukowski zu mächtig war. Er entsprach meiner Art zu leben, meinem Humor, meiner Klasse. Wochen-, monatelang, ein Jahr konnte ich nichts lesen. Trotzdem interessierte ich mich fortan für Literatur, Poesie, begeisterte mich für Sprache, fing an zu schreiben. Ich wollte in der Lage sein, meine Erinnerungen zu Papier zu bringen. Nach und nach entdeckte ich die anderen: Fauser, Djian, Camus, Fante, Whitman, Kerouac, Hemingway, Celine …

Bukowski blieb die Wahrheit, eine ehrliche Haut, der Antiheld. Er war das Original, der Gegensatz zur allgemeinen Meinung. Ein Schriftsteller, der gegen alle Widerstände seinen Stil durchboxte, der hemmungslos das eigene Leben opferte, um seine Geschichten niederzuschreiben. Der Typ machte, was er wollte. Wer hätte nicht gern diesen Mut, diese Klasse?

Vergiss es! Du bist nicht Bukowski, nicht mal Jesus. Keiner wird je Bukowski sein, nicht mal er selber konnte ihn überzeugend spielen. Bukowski war eine Illusion, eine falsch verstandene Romanfigur, die andere Seite von Hollywood. Bukowski war das Ideal eines verlorenen Träumers, der letzte Outlaw, ein versoffener Alkoholiker, Familienvater und Schriftsteller. Bukowski versteckte seine Fehler nicht, er gab damit an. Beschissene Jobs, Magendurchbruch, schlechte Nerven, der ewige Kampf ums Überleben unter der Sonne Kaliforniens.

An diesem schönsten, reichsten und fortschrittlichsten Flecken der Erde lebte er ein unerträglich hartes Leben, getränkt in billigen Alkohol, in der Gewissheit, der größte lebende Dichter zu sein. Wer Bukowski verstehen will, muss den Alkohol verstehen, muss lernen ihn zu lieben und zu hassen und er muss süchtig sein. Er muss die Veränderung spüren, den Hass, die Hoffnung und den Schmerz. Bukowski ist dran zerbrochen, viele tausendmal. Er ist eben nicht liegen geblieben, sondern auferstanden und weitergelaufen, zu seiner Schreibmaschine, zu einer Frau, zur nächsten Flasche.

Prost, mein Freund!

 

Zum 100. Geburtstag des amerikanischen Poeten Charles Bukowski

Henri Chinaski, der Mann aus Andernach

Gebräunte Körper, strahlende Stars, Glitzer und Glamour, der endlose Pazifik vor der Haustür. Dem Smog zum Trotz, kann man es sich schön machen, in Los Angeles, Kalifornien. Nehmen wir also an, er liegt nicht unter einer Marmorplatte, mit der Aufschrift „Don’t try“. Gehen wir davon aus, er steigt gegen Mittag aus seinem Bett, zündet sich eine Kippe an, frühstückt gut, geht anschließend in den Garten, mäht den Rasen, malträtiert ein, zwei Stunden seine Schreibmaschine, trinkt seine tägliche Ration. Natürlich viel weniger als früher, lebt sein Leben. Was hätte er noch geschrieben, an sensationellem Material?

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Leben und Sterben mit Charles Bukowski (1920-1994)

Der amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski über die Vergänglichkeit

Bukowski lebte am Limit, jahrelang in einer Grenzregion zwischen Leben und Tod. Schlägereien, Magendurchbruch, Alkoholvergiftungen, sonstiger Scheiß, der ihn in die Knie zwang. Kein Wunder also, dass einige Lebensweisheiten rund um Leben und Tod dabei herauskamen. Einige möchte ich heute vorstellen und schon mal ankündigen: Der Meister feiert nächstes Jahr 100. Geburtstag genau wie Fritz Walter (Superheld von 54) oder Marcel Reich-Ranicki (der urige Literaturnörgler), Federico Fellini (La Dolce Vita), Yul Brynner (die bestaussehendste Glatze aller Zeiten), Mario Gianluigi Puzo (Der Pate) und natürlich Karol Józef Wojtyła (besser bekannt als Johannes Paul II). Wie ich gehört habe soll es einiges an Veröffentlichungen, Partys und so weiter geben. Wir dürfen also gespannt sein, was da 2020 auf uns zurollt.

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Gesammelter Lesestoff von Charles Bukowski

Bücher von Charles Bukowski

Lesestoff vom Meister

Hab heute mal meine Sammlung an Bukowski Lesestoff rausgeholt und da kam doch einiges zusammen. 24 Bücher, gar nicht mal so schlecht. Auf das in der Mitte lege ich besonderes Augenmerk. Eine Originalausgabe aus den 70ern. Hab ich durch Zufall geschenkt bekommen, über einen Typ auf facebook, den ich gar nicht kannte.

Ich mag Hunde lieber als Menschen, und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten.

Charles Bukowski, Amerikanischer Autor, Dichter und so weiter.
Geboren am 16. August 1920 in Andernach, gestorben am 9. März 1994 in San Pedro.

An jedem gottverdammten Montag – Matthias Krüger

Lesestoff von der Beat Company
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“

Lesestoff von der Beat Company

Gottverdammt, es ist Montag und irgendein gottverdammtes Genie will seinen gottverdammten Lesestoff los werden. Also spannt die Hörsegel, schrubbt die Pupille und reißt das Steuer rum.

Heute, an diesem gottverdammten Montag schreien wir es hinaus:
Matthias Krüger ist der bezeugte Bewahrer des Glaubens, der Hüter des Querdenkertums und Beschützer bedrohter Gruppen, Werte und Gedankengut. Auf seinem Weblog dreht sich so einiges um die Beatniks (Die Väter der Hippies), Charles Bukowski (Der Meister), Musik und Filme.

Matthias wird uns an diesem gottverdammten Montag über den Berg geleiten, er wird die Wolken aufreißen und uns sicher ins Licht führen, damit wir den wahren Lesestoff anerkennen.

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